Archiv der Kategorie 'Texte'

Nachtrag: Nazi-Aktivitäten im Raum Groß-Gerau & Umgebung 2012

Der folgende Beitrag versucht eine kleine Übersicht und Einschätzung der Aktivitäten von Neonazis im Raum Groß-Gerau und Umgebung im vergangenen Jahr. Hierbei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. (mehr…)

Redebeitrag 9. November 2012

Hier unserer Redebeitrag auf der städtischen Gedenkveranstaltung am 09.11.2012 zur Reichspogromnacht.

„Leider muss man sich heute als Jude auf der Straße unsichtbar machen, um sicher zu sein“

So die Reaktion von Walter Homolka, dem Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, auf einen brutalen Überfall auf einen Rabbiner und seine Tochter Ende August in Berlin. Auch wenn die Tat bislang nicht restlos aufgeklärt ist, zeigt dieser Vorfall, dass Antisemitismus nicht nur bei Neonazis fortlebt, handelte es sich bei den Tätern hier doch um mehrere migrantische Jugendliche, mutmaßlich arabischer Herkunft. In diesem Zusammenhang erklärte die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, die sich seit Jahren im Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus engagiert: „Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken gegen Juden als in den vergangenen Jahren – vor allem in Ballungsgebieten und Großstädten“, und fügt hinzu: „Und leider sind es meist junge Migranten“. Eine Kritik des Antisemitismus darf dies nicht ausblenden, wenn sie eine Aussicht darauf haben soll, das Fortleben antisemitischen Wahns erfolgreich zu bekämpfen. Sie muss sich auch mit der Ideologie eines islamischen Antisemitismus auseinandersetzen. Hierbei geht es nicht darum, alle Muslime als bedrohliches Kollektiv zu halluzinieren, sondern um die Kritik einer spezifischen Ideologie, die sich ein Teil der Muslime zu eigen macht. (mehr…)

Error 404 – Nazis Not Found

Wir möchten gerne auf einen lesenswerten Text der Gruppe „Kritikmaximierung“ aus Hamburg verweisen, der sich mit den Erkenntnissen der Anschläge des NSU, den „Pannen“ und Verstrickungen der Ermittlungsbehörden und dem rassistischen Allgemeinzustand in Deutschland beschäftigt.

Error 404 – Nazis Not Found

Rede 9. November 2011

Dieser Redebeitrag wurde von uns auf der städtischen Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am 9. November 2011 gehalten.

„Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“1
 
Mit diesem schlichten, aber gleichsam höchst provokanten Satz leiten Adorno und Horkheimer, die beiden bekanntesten Exponenten einer wirklich kritischen Gesellschaftstheorie, ihre Einschätzung des Antisemitismus im Deutschland der Nachkriegszeit ein. In keiner Weise war es damit ihre Absicht gewesen feierlich jeglichen Judenhass für überwunden zu erklären, sondern darauf aufmerksam zu machen, dass sich nach Auschwitz eine qualitative Veränderung ergeben hat. Sich offen antisemitisch zu äußern ist seitdem (glücklicherweise) gesellschaftlich in höchstem Maße sanktioniert. Die öffentliche Feststellung eine Antisemitin oder ein Antisemit zu sein, der wohl schlimmste und diskreditierendste Vorwurf, der vorgebracht werden kann und den schon den ein oder anderen, zumindest kurzzeitig, um seine Karriere gebracht hat. Und trotzdem ist Antisemitismus an sich nach Auschwitz gerade nicht verschwunden.
Antisemitismus hat eine Transformation zum sekundären Antisemitismus durchlaufen. Der traditionelle Judenhass hat nicht vollends ausgedient. Er bedient sich einer modernisierten Variante. Israel wird als der „Jude unter den Staaten“ ins Zentrum gerückt. Eine repräsentative Umfrage von Deutschen im Jahr 2004 ergab, dass 68,3% der Befragten der Meinung waren, dass Israel „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ führe. Und 51, 2% der Befragten meinten: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“.2 Diese Ergebnisse lassen sich nicht nur bei den Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit von Wilhelm Heitmeyer finden, sie werden auch 2007 von der BBC bestätigt: 77 % der Deutschen positionieren sich eindeutig negativ gegenüber Israel. Auf ähnlich hohe Werte kamen nur die Befragten im Libanon und in Ägypten.3 Darauf entgegnen einige: „Man wird ja wohl noch Israel kritisieren dürfen, genauso wie jedes andere Land“. Faktisch wird jedoch oft kein anderes Land so sehr in den Mittelpunkt der Kritik gerückt, obgleich es tausende Krisenherde auf der Welt gibt. Zudem fällt die Einzigartigkeit des Begriffs „Israelkritik“ auf. Oder bezeichnete jemand in den letzten Tagen die Empörung an der Politik Berlusconis als Italienkritik? Sind uns Begriffe wie Chinakritik, Sudankritik oder USA-Kritik etwa geläufig?

Neben der Israelkritik, findet sich sekundärer Antisemitismus auch in der Kritik am globalen Finanzwesen wieder. Aktuelles Beispiel hierfür ist die „occupy“-Bewegung.
Samuel Salzborn schrieb dazu treffend in der „Jüdischen Allgemeinen“:
Der Banker, der Millionen »verzockt«, der auf Geldblasen setzende Börsenspekulant oder der entlassene Vorstandsvorsitzende mit Millionenabfindung, werden zum personifizierten Feindbild, auf das sich Wut abreagiert, die aus intellektueller Unfähigkeit resultiert, die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen. Selbst die banale Erkenntnis, dass, wenn der eine etwas gewinnt, der andere etwas verlieren muss (weil Reichtum und Armut im Kapitalismus immer in einem abhängigen Verhältnis stehen), scheint unmöglich. Statt die Struktur zu kritisieren, werden Personen in die Verantwortung genommen – der Verstand wird damit zugunsten des Affekts ausgeschaltet.
Dass ein solcher Blick auf die Welt einfältig ist, ist offensichtlich. Was aber ist strukturell antisemitisch an der Personalisierung und Moralisierung von Kapitalismuskritik? Es geht hier nicht um eine ‚verkürzte’ Kapitalismuskritik, sondern um einen antisemitischen Antikapitalismus, der eben die Struktur des Kapitalismus intellektuell nicht begreift, aber gerade deshalb naiv gegen ihn rebelliert. In ihrer gefühlten Ohnmacht verfolgen die Globalisierungsgegner vielleicht subjektiv gar keine antisemitischen Ziele, objektiv ist das Potenzial zum manifesten Antisemitismus aber in jeder Kapitalismuskritik angelegt, die personalisierend und moralisierend auftritt.4 Denn in ihr finden sich wieder die Bilder vom gierigen Banker, der großen Verschwörung der Finanzwelt oder gemeinhin dem, was die Nazis als das „raffende jüdische Kapital“ bezeichneten.
Es geht darum, die Transformation des Antisemitismus nach 1945 zu begreifen. Der traditionelle Judenhass äußert sich nur noch selten offen. Unsere Aufgabe ist es moderne antisemitische Denkmuster im Alltag zu enttarnen, ob sie sich nun in Form von Kritik am Staat Israel oder Kapitalismuskritik äußern. Denn nur weil sich Antisemitismus heute nicht mehr offen äußert, gibt es noch lange keine Antisemiten mehr.

  1. Max Horkheimer GS 5, Dialektik der Aufklärung, Elemente des Antisemitismus, S.  230. [zurück]
  2. http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=N04GE7 [zurück]
  3. http://news.bbc.co.uk/2/shared/bsp/hi/pdfs/06_03_07_perceptions.pdf [zurück]
  4. Samuel Salzborn: Moneten und Mythen, in: Jüdische Allgemeine (27.10.2011), unter: www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11509. [zurück]

Harakiri in Fukushima

Gefunden auf Freundeskreis Weltcommunismus:

„Ich kann heute nicht erkennen, dass unsere Kernkraftwerke nicht sicher sind, sonst müsste ich ja mit meinem Amtseid sie sofort abschalten. Das wäre ja ganz –äh- fatal wenn ich erklären würde, die sind nicht sicher. Unsere Kernkraftwerke sind nach Maßgabe dessen, was wir wissen, sicher.“

Angela Merkel in der Sendung ARD-Brennpunkt, 13.03.2011

Wenn passiert, was angeblich nicht passieren kann, sagen auch abgeklärte Agenten des Systems manchmal etwas, was ihre PR-Berater gar nicht vorgesehen hatten. Angesichts einer explodierten Kraftwerkshülle, beginnender Kernschmelze in drei Atomreaktoren sowie zerstörter Reaktorhüllen (genaues wissen wohl nur der Betreiber und vielleicht die japanische Regierung), müssen neue Bilder und Formeln der Beschwichtigung, Verharmlosung und Verdummung erst ausgedacht, verbreitet und eingeübt werden. Atom-Merkel befand sich daher im Experimentierstadium und so kam es, dass die beliebte „Kanzlerin aller Deutschen“ sagte, was nicht gesagt werden durfte: Dass nämlich der Sicherheitsmaßstab für Atomkraftwerke sich daraus ableitet, dass diese nicht abgeschaltet werden sollen – denn das wäre ja – äh – ganz fatal. Sicher ist, was den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke nicht gefährdet. In Japan musste ein Regierungssprecher eingestehen, dass er sich am Vortag beim Ablesen der Strahlenbelastung verlesen hat. Das kann schon mal passieren, wenn die Strahlenbelastung um das AKW das 4.000-fache des sog. „Grenzwertes“ erreicht. Oder war es das 40.000-fache? Dass die Regierung, die eigene wie die japanische im Falle des Falles vor keiner Lüge würde zurückschrecken, um die Zukunft der Atomindustrie zu retten, musste da einigen klar geworden sein. Geigerzähler waren in Deutschland drei Tage nach Beginn der Katastrophe ausverkauft.
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Rede 9. November 2010

Auf der städtischen Gedenkveranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht wurde am 9. November 2010 von uns folgende Rede gehalten.

Vor knapp Wochen versuchten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Mainzer Synagoge zu verüben.
Im Oktober legte die Deutsche Bahn den Überlebenden der Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager nach jahrelangen Verhandlungen ein letztes Angebot vor: 25 € Höchstsumme pro Person. Das reicht heute nicht mal für eine Zugfahrkarte 2. Klasse nach Auschwitz.
Kürzlich entdeckte sogar ein Bundesbankvorstandsvorsitzender das Judengen wieder.

Dies ist nur eine kurze Auswahl von Beispielen der letzten Wochen, die offensichtlich machen, dass Antisemitismus in Deutschland sich weiterhin auf unterschiedlichste Art und Weisen artikuliert. Spätestens Sarrazin hat gezeigt, wie anschlussfähig menschenverachtende Gedanken in der deutschen Gesellschaft weiterhin sind. (mehr…)

Redebeitrag Vorabenddemo

Auf der Wiesbadener Vorabenddemo am 07.Mai, anlässlich des Naziaufmarsches in Wiesbaden-Erbenheim, wurde unter anderem dieser Redebeitrag gehalten, den wir im Folgenden dokumentieren:

Wenn die Nazis morgen hier in Wiesbaden gegen „imperialistische Kriegstreiberei und Folterknechte“ demonstrieren wollen, so mag das manche und manchen zunächst einmal erstaunen. Die Fans des NS, der doch für Weltkrieg, Terror und Vernichtung der europäischen Juden steht, sind nun, so scheint es, auf einmal ganz friedliebend.
Es gibt wohl zwei typische Arten, darauf zu reagieren. Der weit überwiegende Teil wird sagen, dass die Nazis Lügner und Demagogen sind und auf die historischen Vorbilder von NPD und JN verweisen und die Sache damit für erledigt halten. Der andere Teil wird dagegen einwenden, dass die Geschichte gezeigt habe, dass man auch das, was wahnsinnig und verrückt klingt, ernst nehmen muss, weil Wahnsinn und Verrücktheit Wirklichkeit werden können. (mehr…)

Die Deutschen, Auschwitz und Israel

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Theodor W. Adorno1

Am 27.1.1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz von der sowjetischen Roten Armee befreit. Kein anderes Konzentrationslager wurde zu solch einem Zeichen der deutschen Gräueltaten wie Auschwitz(-Birkenau). Hierbei geht es uns an dieser Stelle nicht um die Diskussion, wieviele Juden und Jüdinnen in diesem KZ umgebracht wurden. Vielmehr muss jede Diskussion darauf ausgerichtet sein, dieses Ereignis niemals wieder geschehen zu lassen. Hierfür muss erst einmal geklärt werden, was Antisemitismus heute ist und wie er sich äußert. (mehr…)