Nachtrag: Nazi-Aktivitäten im Raum Groß-Gerau & Umgebung 2012

Der folgende Beitrag versucht eine kleine Übersicht und Einschätzung der Aktivitäten von Neonazis im Raum Groß-Gerau und Umgebung im vergangenen Jahr. Hierbei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

Nachdem jahrelang im Raum Groß-Gerau kaum oder nur vereinzelt Aktionen organisierter Neonazis feststellbar waren, häuften sich 2012 verschiedene Aktivitäten. Dabei handelte es sich vor allem um die Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda, meist in Form von Flyern, Aufklebern und Sprühereien. So wurden etwa im Februar 2012 in Büttelborn, sowie im April im Groß-Gerauer Stadtteil Auf Esch Flyer der „Nationalen Sozialisten Ried“ (NaSo Ried)2 verteilt. In der Nacht vom 04.03. auf 05.03.12 wurden in Groß-Gerau Naziaufkleber verklebt, die „NaSo Ried“ teilten auf ihrer Homepage mit, dass sie in diesem Zeitraum in Groß-Gerau aktiv waren. In den Tagen ab dem 11.5 wurden in Büttelborn-Worfelden, rund um die Groß-Gerauer Bahnhöfe und in den Hauptstraßen mehrere hundert Aufkleber, sowie einige Plakate verklebt. Anfang November tauchten dann Nazi-Sprühereien in der Fußgängerunterführung am Groß-Gerauer Bahnhof, sowie der Unterführung am Synagogen-Gedenkstein auf3. Ebenfalls ab Anfang November waren dann vermehrt Naziaktivitäten in Groß-Gerau Dornheim feststellbar, auch hier wurden Aufkleber und selbstausgedruckte Plakate4 der NaSo Ried verklebt, sowie Parolen gesprüht5. Im Dezember outete dann die Antifa Biblis zwei Neonazis in Dornheim mittels Flugblättern6. Wie Anwohner berichten, fällt deren Einzug in Dornheim zeitlich ungefähr mit den verstärkten Aktivitäten in Dornheim zusammen. Ein Zusammenhang erscheint daher wahrscheinlich. Die Verbreitung von „NaSo Ried“ Materialien legt zudem ihre Zugehörigkeit zu dieser Gruppierung nahe.

Über die die genannten Aktivitäten hinaus, nahmen die Nazis aus Groß-Gerau und Umgebung auch an mehreren Aufmärschen teil. Die beiden Dornheimer Nazis waren u.A. an 1. Mai auf den Nazidemonstrationen in Speyer und Mannheim. Hier liefen sie hinter dem Transparent des „Freien Netz Hessen“, dem auch die „NaSo Ried“ angehören. Auch dies lässt ihre Zugehörigkeit zu jener Gruppe vermuten.

Wie sind die Aktivitäten der Neonazis nun einzuschätzen? Wenn unter Anderem das Malen mit Straßenkreide und das Verkleben schlecht gedruckter DinA4 Zettel zu propagandistischen Erfolgserlebnissen verklärt werden7 – aus dem man auch noch seine Allmachtsphantasien schöpft – kann es mit dem realen politischen Erfolg nicht weit her sein. Und in der Tat ist es um den Erfolg des „nationalen Widerstands“ gesamtgesellschaftlich nicht zum Besten bestellt. Die Wahlergebnisse der NPD stagnieren oder sind rückläufig, ebenso die Zahl ihrer Mitglieder und die Teilnehmerzahlen bei Neonazi-Aufmärschen. Die nationalsozialistischen Traditionsvereine ziehen derzeit keine Massen. Dem Großteil der Bevölkerung scheinen die Mobilisierungsversuche der „nationalen Aktivisten“ am Arsch vorbeizugehen. Der bürgerlichen Klasse sind sie derzeit eher eine Rufschädigung des Standorts. Warum sich dann also überhaupt mit Ihnen beschäftigen? Zum Einen sind zwar die Mobilisierungserfolge der Neonazis im gesamtgesellschaftlichen Maßstab mehr als überschaubar, aber auch eine Hand voll Neonazis kann im lokalen Raum eine Bedrohung für alle darstellen, die nicht in ihr völkisch borniertes Weltbild passen. Zum Anderen sind zwar neonazistische Organisation weitgehend gesellschaftlich marginalisiert, nicht aber die Ideologie, die sie vertreten. Antisemitische, rassistische, nationalistische und volksgemeinschaftliche Einstellungen finden sich bis weit in die gesellschaftliche Mitte und auch darüber hinaus. Es ist vor diesem Hintergrund keineswegs ausgemacht, dass ihre Marginalisierung auf alle Zeit bestehen bleiben wird.

Für den Raum Groß-Gerau und das südhessische Ried ist nicht davon auszugehen, dass die Nazi-Aktivitäten 2013 einfach so wieder verschwinden. Mit den NaSo Ried existiert eine Gruppe die seit 2010 als solche aktiv ist und daher einigermaßen gefestigt sein dürfte. Zudem ist sie mit anderen Neonazi-Gruppierungen in der Region vernetzt. Ob es den Nazis gelingt ihre Strukturen weiter zu festigen bzw. auszubauen, wird auch vom gesellschaftlichen Widerstand abhängen, den sie erfahren werden. Bleibt dieser aus, ist von einer weiteren Etablierung auszugehen.

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  2. Seit 2010 bestehende Nazigruppierung, die dem Konzept der „Freien Kameradschaften“ bzw. „Autonomen Nationalisten“ zuzuordnen ist. Fiel von Anfang an durch Sprühereien und Aufkleber in Biblis auf. Zudem versuchte man sich in „Störaktionen“ linker Veranstaltungen, u. A. bei einer Anti-AKW Demonstration in Biblis. Sie ist weiterhin im sogenannten „Freien Netz Hessen“ mit Nazis aus dem Frankfurter Raum vernetzt. Bekannte Mitglieder der NaSo Ried sind die Bibliser Nicolay M. und Florian W. [zurück]
  3. Unter anderem wurde gesprüht: „NS jetzt“ („Nationaler Sozialismus jetzt!“), „88“ (Szenecode für „Heil Hitler“) und „Alles für Volk, Rasse und Nation!“: Der Aufruf zur erneuten Verwirklichung des „Nationalen Sozialismus“ ist die Sehnsucht nach dem volksgemeinschaftlichen Elend und der Aufruf zum erneuten Massenmord am imaginierten „ewigen Feind“ der „arischen Volksgemeinschaft“ – dem Juden. Dies bekräftigt man nicht nur damit, dass man mit „88“ seine Unterstützung für die fabrikmäßige Vernichtung von Millionen Unschuldigen kundtut, sondern auch dadurch, dass man die Parolen wenige Tage vor dem 9.11. – dem Jahrestag der Reichspogromnacht – in unmittelbarer Nähe des Mahnmals am ehemaligen Standort der Groß-Gerauer Synagoge sprühte. Das paranoide Weltbild der Nazis, in dem man sich im „Rassenkampf“ wähnt und in dem man „alles zu geben“ bereit ist (wie die dritte Parole kundtat), läuft darauf hinaus, die „jüdische Gegenrasse“ zu vernichten. Die eigenen Vernichtungsphantasien werden dabei stets als Verteidigungshandlungen rationalisiert. [zurück]
  4. Hier bewarb man die sogenannte „Winterhilfe“. Eine Kampagne der „NaSo Ried“ in deren Rahmen Spenden für Bedürftige gesammelt werden sollen, natürlich nur sofern Bedürftige den „Ariernachweis“ erbringen können. Spenden sammeln und vorallem verteilen können caritative Einrichtungen besser. Dennoch ist dies nicht einfach Propaganda oder der Versuch „auf sozial zu machen“. Letztlich äußert sich hierin ihr „Sozialismus“. Alle Deutschen sollen zu einander einfach nett sein, und auch mal ein paar Almosen für die „Volksgenossen“ übrig haben, denen es nicht so gut geht. Das ist dann der große „Nationale Sozialismus“. Ende der Durchsage. Nichts über die Produktionsverhältnisse, die das soziale Massenelend überhaupt erst erzeugen. Im Gegenteil wird die bürgerliche Klassengesellschaft noch zur „natürlichen Rangordnung“ (so heißt es in einem in AN-Kreisen populären Pamphlet mit dem Titel „Was ist eigentlich Nationaler Sozialismus?“) verklärt und somit ein soziales und historisches Verhältnis biologisiert und damit zur ewigen Daseinsform erklärt. Statt die Individuen aus „Rangordnungen“ zu befreien, eliminieren sie das Individuum durch „Volksgemeinschaft“ und „Führerprinzip“ und fühlen sich in der Scheiße auch noch pudelwohl. [zurück]
  5. Auch hier forderte man mit „NS jetzt“ die erneute Barbarei und tat mit „We hate Antifa. Auch Linke haben Namen und Adressen!“ die Bereitschaft kund, gegen jene, die sich dem in den Weg stellen wollen, vorzugehen. [zurück]
  6. Geoutet wurden die beiden Neonazis Victoria S. und Kai W. (http://afabiblis.mypressonline.com/) [zurück]
  7. So ein Blogeintrag der Naso Ried vom 18.11.12, indem sie über sogenannte „Kreativaktionen“ zur Bewerbung ihrer „Winterhilfe“ zu berichten wissen. [zurück]