Redebeitrag 9. November 2012

Hier unserer Redebeitrag auf der städtischen Gedenkveranstaltung am 09.11.2012 zur Reichspogromnacht.

„Leider muss man sich heute als Jude auf der Straße unsichtbar machen, um sicher zu sein“

So die Reaktion von Walter Homolka, dem Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, auf einen brutalen Überfall auf einen Rabbiner und seine Tochter Ende August in Berlin. Auch wenn die Tat bislang nicht restlos aufgeklärt ist, zeigt dieser Vorfall, dass Antisemitismus nicht nur bei Neonazis fortlebt, handelte es sich bei den Tätern hier doch um mehrere migrantische Jugendliche, mutmaßlich arabischer Herkunft. In diesem Zusammenhang erklärte die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, die sich seit Jahren im Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus engagiert: „Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken gegen Juden als in den vergangenen Jahren – vor allem in Ballungsgebieten und Großstädten“, und fügt hinzu: „Und leider sind es meist junge Migranten“. Eine Kritik des Antisemitismus darf dies nicht ausblenden, wenn sie eine Aussicht darauf haben soll, das Fortleben antisemitischen Wahns erfolgreich zu bekämpfen. Sie muss sich auch mit der Ideologie eines islamischen Antisemitismus auseinandersetzen. Hierbei geht es nicht darum, alle Muslime als bedrohliches Kollektiv zu halluzinieren, sondern um die Kritik einer spezifischen Ideologie, die sich ein Teil der Muslime zu eigen macht.

Beim islamischen Antisemitismus handelt es sich um eine Kombination des religiösen Antijudaismus des Frühislams mit dem europäischen Antisemitismus der Moderne. Prägnantestes Beispiel für diesen Antisemitismus ist die Charta der islamistischen Hamas, welche seit 2007 im Gaza-Streifen die Regierung stellt. Hierin wird ein antijüdischer Hadith, ein Teil der frühislamischen Überlieferung, zustimmend zitiert. Laut diesem werde der jüngste Tag erst kommen, wenn die Muslime gegen die Juden gekämpft und sie besiegt hätten. Des Weiteren bezieht sich die Charta auf moderne antisemitische Weltverschwörungsmythen, indem die Juden für die französische Revolution, Oktoberrevolution und beide Weltkriege verantwortlich gemacht werden. Durch Fernsehsender der Hamas oder auch der Hisbollah – deren Führer Nasrallah das Zusammenkommen der Juden in Israel deshalb gut findet, weil dies den Ärger erspare weltweit hinter ihnen her sein zu müssen – werden Fernsehsendungen mit solcher antisemitischen Ideologie in viele Länder übertragen und wirken sich somit auch auf die Interpretation des Nahost-Konflikts von Jugendlichen arabischer Herkunft in Europa aus.

Wer nun der Meinung ist, eine angebliche geläuterte deutsche Gesellschaft gegen antisemitische Migranten verteidigen zu müssen und kulturelle Kollektive gar im Daseinskampf sieht, dem muss entgegnet werden, dass antisemitische Einstellungen in der deutschen Mehrheitsbevölkerung genauso verbreitet sind, wie beispielsweise unter Deutsch-Türken. Es zeigt sich hier, wie absurd es ist nationale und kulturelle Kollektive einfach gegeneinander zu setzen, weil Nationalität und kulturelle Herkunft erst einmal wenig über das konkrete Individuum aussagen. Vielmehr muss Antisemitismus dort bekämpft werden, wo er sich äußert. Egal ob von Neonazis, in der deutschen Mehrheitsgesellschaft oder unter Migranten.