Archiv für Mai 2011

Postionspapier zu den Stolpersteinen

Zu erst wurde über die Verlegung von Stolpersteinen in Groß-Gerau kontrovers diskutiert. Darauf wurde die Idee per demokratischen Entscheidungs- und Diskussionsprozess „zerredet“ und schließlich im Stadtparlament mit klarer Zielsetzung abgestimmt: Die Verlegung von Stolpersteinen sollte verhindert werden. Aufgrund der neuerdings veränderten Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament, könnte eine neue Abstimmung zu einem anderen Ergebnis führen. Dass diese Option von einigen als „undemokratisch“ bezeichnet wird, sagt viel über das Demokratieverständnis in der Stadt Groß-Gerau aus. Entscheidungen werden auch in Groß-Gerau, trotz großer römischer Tradition, schon lange nicht mehr in Stein gemeißelt. Sie müssen sich am gesellschaftlichen Meinungsbild orientieren.
Die Argumente der Stolpersteingegnerinnen und Gegner basierten vordergründig auf folgenden Positionen:

Die Juden, für die stellvertretend die Einzelperson Charlotte Knobloch stehe, lehnen Stolpersteine als Form des Gedenkens ab. Die Einzelmeinung eines Mitgliedes des Zentralrats der Juden soll hier repräsentativ für alle Jüdinnen und Juden in Deutschland stehen. Das ist irreführend: Auch wenn der Zentralrat sich als Interessenvertretung der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden sieht, repräsentiert die Aussage von Frau Knobloch noch lange nicht das Meinungsbild der jüdischen Gemeinden, sowie der Opfer und deren Nachkommen. Zu diesem Thema gab es auch nie eine offizielle Positionierung seitens des Zentralrats.

Außerdem werden die Stolpersteine von den Kritikern als „Gedenken im Straßenstaub“ diffamiert. Eine Partei, die das Attribut „christlich“ in ihrem Namen führt, hat normalerweise nichts gegen begehbare Grabplatten im Petersdom und anderswo, empört sich aber scheinbar über Gedenksteine im Straßenpflaster. Da hier angeblich das Andenken an die Opfer mit Füßen getreten wird. Was diese Menschen wohl viel eher stört, ist die stetige Präsenz im Alltag.

Es kann nicht darum gehen, dass die Stadt Groß-Gerau das ultimative Gedenkkonzept für alle Zeiten findet. Diese Herangehensweise kann nur scheitern, wenn dies nicht sogar von vornherein so beabsichtigt war. Den Befürwortern der Stolpersteine vorzuwerfen, sie sähen keine Alternativen, folgt unter Ankündigung eines alternativen Gedenkkonzeptes einer Logik des Aussitzens. Eben dieses alternative Konzept lässt seit zwei Jahren auf sich warten. Stattdessen wurde die Thematik in Ausschüsse verbannt, wohl mit der Hoffnung sie dort begraben zu können. Wenn überhaupt möchte man ein weiteres Gedenkmäuerchen abseits vom Stadtleben errichten, das abgesehen vom 9. November keinerlei Aufmerksamkeit erhalten wird.

Nur ganz am Rande der Diskussion wurde ein zentraler Punkt für die Ablehnung der Stolpersteine erwähnt. Frühere und heutige Hausbesitzer könnten durch die Verlegung von Stolpersteinen in Zusammenhang mit der Vertreibung von Jüdinnen und Juden und Arisierung von jüdischem Eigentum gebracht werden. Sie würden damit als direkte Profiteure des nationalsozialistischen Systems erscheinen. Doch genau dies passt nicht in die dominierende Geschichtswahrnehmung in Deutschland, die die Mehrheit der Deutschen forciert. Für viele ist der Fall seit jeher klar: Hitler war’s – und zwar im Alleingang. Tatsächlich haben auch jede Menge Groß-Gerauerinnen und Groß-Gerauer konstruktiv am Nationalsozialismus mitgewirkt und von der Vertreibung und Vernichtung der Nachbarschaft profitiert. In Anbetracht dessen erscheint es umso absurder, dass lebensgroße Schweinehändler und Laternenanzünder aus Messing nahezu diskussionslos an zentralen Orten errichtet werden, aber die Verlegung von ca. 10×10cm großen Messingplatten auf Pflastersteinen ein unüberwindbares Hindernis darstellen.

Arbeitskreis Antifaschismus Groß-Gerau im Mai 2011